George Orwells dystopischer Roman 1984 wird vor allem mit der totalen Überwachung der Bürger durch den Staat assoziiert. Und so nannte das dreiköpfige deutsche Entwicklerteam Osmotic Studios sein Spiel zum Thema "Überwachungsstaat" eben Orwell.

Big Brother is watching you - Der Große Bruder sieht dich

Dieses Zitat aus George Orwells dystopischem Roman 1984 ging in die Popkultur ein. Obwohl die totale Überwachung der Bürger durch den Staat, die es symbolisiert, nur ein Teil der Schreckensvision ist, die darin gezeichnet wird, wird sie am meisten damit assoziiert. Und so nannte das dreiköpfige deutsche Entwicklerteam Osmotic Studios sein Spiel zum Thema "Überwachungsstaat" eben Orwell.

Bevor ich beschreibe, worum es eigentlich geht, ein kurzer Hinweis: Auch wenn es in Deutschland entwickelt wurde, ist Orwell ausschließlich auf englisch erhältlich. Die großen Textmengen in mehreren Sprachen anzubieten, wäre für das kleine Team wohl nicht zu stemmen. Tatsächlich gibt es in Orwell viel zu lesen, dabei steht man aber nicht unter Zeitdruck. Wer in der Fremdsprache nicht ganz so schnell mitkommt, kann sich also Zeit lassen. Für das Verständnis sind sehr gute Englischkenntnisse aber dennoch empfehlenswert. Spielbar ist Orwell unter Windows, Linux und Mac und kann als Download bei Steam, GOG oder im Humble Store gekauft werden (Links am Ende des Artikels).

Die Handlung spielt in einem fiktiven Staat, der schlicht "The Nation" genannt wird; die regierende Partei ist dementsprechend "The Party". The Nation lässt sich in keiner bestimmten Region der Erde verorten. Namen von Personen und Städten stammen aus allen möglichen Kulturkreisen, klingen mal englisch, mal französisch oder arabisch usw.  Nach Verabschiedung eines verschärften Sicherheitsgesetzes wurden dort nicht nur neue Überwachungskameras installiert. Im Geheimen richtete die Regierung ein System ein, dass Zugriff auf öffentliche und private Informationen und Kommunikationskanäle, sogar auf andere Computer und Smartphones ermöglicht. Zynischerweise nannte man dieses System: Orwell! 

Keeping an Eye on you

Mit diesem Untertitel erschien von Oktober bis November 2016 die erste "Staffel" von Orwell. Fünf Episoden wurden im wöchentlichen Abstand veröffentlicht und stellen eine fortlaufende Geschichte über fünf Tage dar. Im Spiel stehen wir zu Beginn auf der Seite des Überwachungsapparates. Als Ermittler im Auftrag von The Party nutzen wir das Orwell-System, um eine Bombenexplosion an einem öffentlichen Platz in der Hauptstadt von The Nation zu untersuchen. Das Spiel simuliert also die Software, die ein Ermittler nutzt, um Daten zu sammeln und an seinen Berater weiterzugeben. Dieser unterstützt den Agenten (also den Spieler) mit Hinweisen über Textnachrichten und leitet später die weiteren Schritte ein, die sich aus den erhaltenen Informationen ergeben (z.B. Verhaftungen und Verhöre). Doch wie funktioniert das genau?

Zu Beginn hat man nur wenige Informationen. Eine Kamera hat ein Bild einer verdächtigen Person gemacht, ein erster Ausgangspunkt für ein Personenprofil. Dieses wird stets auf der linken Bildschirmseite angezeigt. Mit der Zeit wird nicht nur dieses vervollständigt, es kommen auch weitere dazu. Erst wenn eine Person als verdächtig eingestuft wird, kann ihr Profil angelegt und weitere Informationen über sie gesammelt werden. Dies geschieht auf der rechten Seite des Bildschirms. Es beginnt harmlos mit dem "Reader". Das ist im Grunde nichts weiter als ein (virtueller) Webbrowser. Da kann man z.B. den Bericht über den Anschlag im Nachrichtenmagazin The National Beholder (von einigen als Propagandablatt der Regierung verschrien) lesen. Hat man einen Namen zum Gesicht, bekommt man auch Social-Media-Profile zu sehen, die etliche neue Daten bringen. Da kann einem zum ersten Mal mulmig werden: Denn dies sind alles Informationen, die jemand freiwillig öffentlich preisgibt. Dazu braucht es nicht mal illegale Schnüffelsoftware. Doch das können wir natürlich auch: 

Krankenakten, Bankkonten, nur wenig ist vor uns sicher. In den Dokumenten sind stets die wichtigsten Textpassagen blau hervorgehoben. Dabei handelt es sich um die sogenannten "Datachunks", ich nenne sie auch gerne Infoschnippsel. Per Drag & Drop zieht man sie auf das passende Profil und fügt diesem somit etwas Neues hinzu. Es ist dabei durchaus möglich, "falsche" Informationen zu liefern, was zu verwunderten Kommentaren des Beraters führen kann. Rückgängig machen kann man das nicht, aber in manchen Fällen mit neuen Daten überschreiben. Widersprüchliche Daten werden gelb markiert, dann muss man sich für eine Variante entscheiden. Hier merkt man, dass das System nicht wirklich logisch ist, denn woher weiß es, dass es einen Widerspruch gibt, wenn man erst einen der zwei entsprechenden Datachunks gesehen hat? Wieso kann das System überhaupt selbst wichtige Daten extrahieren, braucht aber trotzdem einen Benutzer, der sie weiterleitet? Nun, zumindest das ist erklärbar, denn keine automatische Texterkennung ist perfekt, der menschliche Faktor dient der Kontrolle und Filterung.

Etwas später wird der "Listener" freigeschaltet, damit hört man Telefonate ab oder liest Text-Chats mit. Zu hören gibt es in Wirklichkeit aber nichts, auch hier werden nur Texte angezeigt. Wie im Reader werden relevante Datachunks in den Kommunikationsdaten markiert. Noch heftiger wird es schließlich beim "Insider". Findet man die Geräte-ID eines Computers einer verdächtigen Person heraus, kann man darauf zugreifen, wenn er online ist. So liest man Emails, durchforstet den Papierkorb oder findet Dokumente und Fotos und kommt so an die wirklichen heiklen Sachen. Spätestens jetzt wird sich im Spieler das Gefühl heranbilden, ob er das cool oder bedenklich findet. Entsprechend seiner Einstellung kann man sein Verhalten ändern und zum Ende hin den Verlauf der Story beeinflussen. Bleibe ich regimetreu und liefere die Attentäter aus (bei einer Bombe bleibt es natürlich nicht)? Oder wende ich mich gegen die Regierung und lege alles über das geheime Überwachungssystem offen, auch wenn ich mich damit selbst belaste?

Orwell will nicht durch spielerische Raffinesse begeistern. Mehr als vorgegebene Textschnippsel von rechts nach links ziehen und ab und zu eine Entscheidung treffen tut man nicht. Orwell will eine spannende Geschichte erzählen und zum Nachdenken anregen. Und das schafft es meiner Meinung nach mit Bravour. Die fünf Episoden hatte ich in jeweils ca. 80 Minuten durchgespielt, immer eine am Stück an einem Wochenend-Nachmittag. Denn das spannende Geschehen, obwohl es so undramatisch präsentiert ist, hielt mich gefangen. Auch von der Fachpresse wurde Orwell begeistert aufgenommen, es gewann mehrere deutsche und internationale Preise. So wurde es 2017 als "Bestes Serious Game" mit dem Deutschen Computerspielepreis und beim Deutschen Entwicklerpreis gleich zweimal ("Beste Story" und "Innovationspreis") ausgezeichnet. Orwell kostet derzeit 9,99 € auf diversen Download-Plattformen (Links am Ende des Artikels).

Ignorance is Strength

Die zweite Staffel von Orwell wurde Ende 2017 angekündigt und erschien im Februar und März 2018 in drei Episoden im Abstand von 14 Tagen. Diese fühlten sich für mich etwas länger als in der ersten Staffel an, ich brauchte etwa 100 Minuten pro Folge. Die Handlung findet parallel zur ersten Staffel statt und wir schlüpfen in die Haut eines neuen Agenten, der Zugriff auf einen geheimen Ableger von Orwell mit zusätzlichen Funktionen hat. Der Fokus liegt diesmal auf den sogenannten Sozialen Medien. Es gibt fiktive Versionen von Facebook, Instagram und Twitter sowie einen regierungsfeindlichen Blog voller reißerischer Verschwörungstheorien. Dessen Betreiber ist unser Antagonist in dieser Staffel. Durch Zugriff auf das Backend des Blogs können wir Artikel-Entwürfe schon vor der Veröffentlichung lesen und wissen, wann sie veröffentlicht werden sollen. Hier kommt eine kleine Neuerung von Ignorance is Strength ins Spiel: der simulierte Zeitdruck. Mit jedem weitergegebenen Datachunk vergehen 10 Minuten. Wir müssen also möglichst "schnell" Daten sammeln, damit ein Regierungsmitarbeiter (natürlich anonym) daraus per Nicht-Twitter Nachrichten fabrizieren kann, um den Artikel möglichst noch vor Veröffentlichung zu kontern. Ein weiteres neues Detail ist die Möglichkeit, bestimmte Informationen aus einem Profil auch wieder nach rechts ziehen zu können, in ein Eingabefeld auf einer Webseite. So können Suchbegriffe in eine Datenbank oder Passwörter eingegeben werden. Die meiste Zeit spielt sich die zweite Staffel aber wie die erste.

Das wichtigste neue Element kommt erst in der dritten und letzten Episode zum Zuge: der "Influencer". Damit können wir selbst "Fake News" zusammenstellen. Mehr noch als in den bisherigen Teilen macht das Spiel hier deutlich, wie Informationen wirken können, wenn sie unvollständig sind oder in einen falschen Zusammenhang gebracht werden. Hat man die "richtigen" Datachunks beisammen, generiert die Software daraus eine Story voller Halbwahrheiten und Fehlinterpretationen. Zwar sind die natürlich wieder vom Spiel vorgegeben, man kann aber durchaus beeinflussen, welche Stories zu welchem Zeitpunkt verbreitet werden. Habe ich mich bisher bei Widersprüchen immer bemüht, die für mich wahrscheinlichste "korrekte" Variante weiterzuleiten, ändert sich das nun und ich überlege, welche die "nützlichste" für meine Zwecke ist. Man könnte auch von "alternativen Fakten" sprechen. Dieses Vorgehen übte beim Spielen eine morbide Faszination auf mich aus.

Diesmal war sogar etwas Budget für Sprachaufnahmen da, so dass man Telefonate und kurze Podcasts tatsächlich anhören kann. Vor allem aber aufgrund des etwas höheren Grades an Interaktion und der hochaktuellen Thematik gefiel mir Ignorance is Strength sogar noch etwas besser als Keeping an Eye on you. Die zweite Staffel ist bei den bekannten Download-Plattformen ebenfalls für 9,99 € zu bekommen, Besitzer des Vorgänger erhalten 10% Rabatt. Außerdem ist ein Paket namens Seasons Complete mit beiden Staffel für 14,99 € erhältlich.

Fazit

Die beiden Staffeln von Orwell zu spielen, war für mich ein faszinierendes Erlebnis, das so nur im Medium Computerspiel funktionierte. Denn ohne die Interaktion, so eingeschränkt sie auch sein mag, wäre es lange nicht so intensiv gewesen. Es zeigt, dass Spiele eben auch ernsthafte Geschichten erzählen können und es wahre Perlen abseits des Mainstreams gibt. Eben wie im Kino, wo Actionspektakel ohne viel Handlung problemlos neben anspruchsvollen Dialogfilmen koexistieren. Das Medium wird erwachsen.

Links

Orwell

Orwell: Ignorance is Strength

Orwell: Seasons Complete

Hinweis: Die Download-Stores bieten regelmäßige Rabatt-Aktionen an, so dass die Preise schwanken und man öfter mal ein Schnäppchen machen kann.